Der zerbrochne Krug
ein Lustspiel (sic)
ein Stück über die Liebe ?
oder eins über eine verhinderte Vergewaltigung?

Zur Sache: Adams Klumpfuß - ganz zu schweigen vom Ödip, Goebbels hatte auch einen und quand même - oder deshalb - ungeheuren Schlag bei der Deutschen Frau. Der Volksmund sagt, das Schicksal habe, gewissermaßen als Ausgleich, Verwachsene oft mit enormer bis abnormer Potenz ausgestattet, Richard III hatte einen Buckel obendrein und war von legendärer Attraktion und Verführungskraft.

Beim Anblick seines stark beschädigten Chefs hält Schreiber Licht ganz selbstverständlich ein unlieblich verlaufenes Rendezvous für die Ursache von Adams Blessuren, ein Verlauf, der offenbar nicht die Regel ist bei Adams regelmäßigen triebhaften Umtrieben - Richter Adam, Hahn im Korbe Huisum, ein niederländlicher Don Juan. Obgleich ihm Lichts Annahme schmeichelt, streitet er strikt jede amouröse Verursachung seiner Wunden ab: „es klirrte etwas, da ich Abschied nahm“ - ihm ahndet Ungutes. In seinem Heim und Amtssitze ist er Herrscher einer Ménage à trois, eines Trio hollandais, in dem sein herzhafter Umgangston sehr frisch von seinen beiden Mägden erwidert wird.

Er hat vor 9 Wochen („Donnerstag sind's 10“) die Witwe Rull (rull,-rullig?-rollig?) sitzen lassen und sein Jagdrevier auf's Vorwerk ausgedehnt, wo er die Muhme Küsterin beglückt, wenn deren Gemahl seinem Küsterdienste beim Sonntagsgottesdienst obliegt. Adam passiert bei diesen Sonntagsausflügen die Villa Rull und grüßt seine Verflossene und ihre Tochter Eve wohl durchs Fenster mit einem „Guten Tag, doch dann so geht er wieder seiner Wege.“ Bei einer solchen Passage muss ihm (der Mann ist hochsensibel, jeder Schreck purgiert ihn von Natur) der Blitz ins Herz geschlagen sein, ein Coup de Foudre, der eine Feuersbrunst in seiner Brust entfachte, lichterloh, plötzlich, un amour fou zu Mme Rulls Tochter Eve, die ihn alles vergessen lässt: Anstand, wenn er den je hatte, Vor- und Rücksicht, vor keiner Gewalt, keiner Schäbigkeit, keiner List und Lüge schreckt er zurück, um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen.

Bei Ruprechts Heißluftattacke geht der Krug zu Bruch, kein anderer als er, das steht für Frau Marthe fest, kann der Krugzertrümmerer sein, aber ihre Drohung, sich „nicht mehr geduldig auf den Rücken zu legen“ wenn der Richter Adam den Halunken nicht drakonisch bestrafe, geht unbeachtet unter; ihre Aufführung, die wohl nicht allein der Krugverwüstung zuzuschreiben ist, gipfelt in einer wilden Stutenbissigkeit gegen ihre Tochter, wie gegen eine Nebenbuhlerin, für Adam ein gefundenes Fressen, nach dem Büttel zu rufen, die „Vettel“ aus dem Saal zu schmeissen.

Als der verwirrte Gerichtsrat endlich Adams Aufdrängen eines Imbisses nachgibt und der erleichterte Adam begeistert das hohe Lied der Ehelosigkeit anstimmt, weckt er überraschend einen Gleichklang beim Herrn Gerichtsrat, der mit jedem weiteren von Adam gewaltsam gefüllten Glase Niersteiner („von unserm Rhein“) zur nahezu vollkommenen Harmonie wird - bis Frau Brigitte auftritt, mit einer Perücke, Adam wird die Frau sogleich nur inquirieren - und der Fall wird klar konstieren.

Ebenso klar konstiert das Verbrechen, das Goethe an dem Stück beging, als er es uraufführte; von unzähligen, gängigen, üblichen Zugrunderichtungen abgesehen, hat sich auch Herr Jannings Mühe gegeben, als fetter Lustmolch das Lustspiel zu Tode zu rülpsen und zu furzen.


© Hans Peter Hallwachs